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Niesanfälle, juckende Augen und kratzender Hals – immer mehr Menschen erleben das immer heftiger. Jeder siebte deutsche Erwachsene hat schon Heuschnupfen. In der Klimakrise wird die Pollensaison länger und gefährlicher, das bedeutet massive Einschränkungen für Millionen Menschen in Deutschland.

  • Ganze 20 Tage startet die Pollensaison heute früher als zur Zeit unserer Großeltern – und sie verlängert sich Richtung Jahresende.
  • Schon im Dezember fliegen in warmen Wintern die ersten Hasel-Pollen. Dreiviertel unserer wilden Pflanzen treiben heute früher aus!
  • Neue allergene Pflanzen fühlen sich zunehmend auch in unseren Breiten wohl.

Im Freien sein wird zur Qual

In der Klimakrise nimmt nicht nur die Häufigkeit von Allergien zu, sondern auch deren Heftigkeit. Jeder siebte Erwachsene in Deutschland leidet schon unter Heuschnupfen – Tendenz stark steigend. Viele Allergiker:innen planen ihren Alltag und ihre Freizeit um ihre Allergien herum. Sie schließen in der Hochsaison ihrer Pollenallergie die Fenster – verzichten also auf die frische Frühlingsluft, das morgendliche Vogelgezwitscher oder auf den Grillabend im Garten.

Menschen, die in der Stadt leben, leiden mehr unter Atemwegsproblemen, weil sich die Pollen dort stärker mit Ozon oder Feinstaub vermischen. Das macht die Allergene aggressiver. Aber auch die Pflanzenpollen selbst hat die Stadtluft offenbar verändert: So fand man in den Pollen von Birken, die nah an vielbefahrenen Straßen stehen, einen viel höheren Anteil an Allergenen als in Birkenpollen auf dem Land.

Der Pollenflugkalender des Deutschen Wetterdienstes (DWD) zeigt tagesaktuell welche Pollen gerade wie stark fliegen

Hinzu kommt, dass Pflanzen in der Klimakrise immer reisefreudiger werden und sich durch die warmen Temperaturen ganz neue Arten mit hohem Allergiepotenzial bei uns halten, wie zum Beispiel die Ambrosia. Sie stammt ursprünglich aus Nordamerika. Eine einzige Pflanze kann bis zu einer Milliarde Pollen freisetzen!

Pollen schwächen das Immunsystem – selbst ohne Allergie

Städter:innen sind nicht nur aggressiveren Pollen, sondern auch generell mehr Luftschadstoffen ausgesetzt, sodass die Pollen oft auf bereits geschwächte Atemwege treffen. Dass sich aus einem allergischen Schnupfen häufig Asthma entwickelt, zeigen mittlerweile viele Langzeitstudien. Auch dass der frühere Beginn der Pollensaison mit einem höheren Risiko einhergeht, mit einem Asthmaanfall ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, ist mittlerweile bekannt.

Ob mit Allergie oder ohne, ob mit Pandemie oder ohne: Für immer mehr Menschen in Deutschland bedeutet das Pollen-Quarantäne statt Park.

Und: Pollen schwächen auch die Immunantwort auf andere Erreger. Dieser Effekt trifft sogar Menschen, die gar keine Allergie haben! Das gilt auch für das Coronavirus. Forschende raten deshalb Risikopatient:innen dazu, sich bei starkem Pollenflug eher zurückzuziehen. Ob mit Allergie oder ohne, ob mit Pandemie oder ohne: Für immer mehr Menschen in Deutschland bedeutet das Pollen-Quarantäne statt Park.

Was ist ein Allergen?

Das ist ein Stoff, der Allergien auslöst. Das Immunsystem eines allergischen Menschen denkt irrtümlicherweise, dass das Allergen gefährlich ist und reagiert. Damit löst es Symptome aus, wie z.B. juckende Augen. Ein Mensch ohne Allergie kann mit exakt dem gleichen Stoff (z.B. Birken-Pollen) in Kontakt kommen und zeigt überhaupt keine Symptome.

Mehr Pollen durch Gewitter!

Sommergewitter… an heißen Tagen sehnen wir sie herbei, in der Hoffnung auf Abkühlung. Gewitterstürme sind besonders heftige Arten. Sie kommen immer mit Blitz und Donner, teils mit Graupel oder Hagel, lokalen Stürmen oder Tornados. In der Klimakrise nehmen sie zu. Das ist probematisch für Allergiker:innen. Der Grund: Dieses Wetterphänomen führt immer wieder zu plötzlich und massenhaft auftretenden schweren Asthma-Anfällen. Gewitter können nämlich Pollenhüllen zum Platzen bringen, dann sind im wahrsten Sinne des Wortes blitzartig auffällige Mengen Pollen in der Luft.

Im Jahr 2016 gab es ein solches Ereignis im australischen Melbourne, das später genau untersucht wurde: Innerhalb von fünf Stunden gingen 1900 Notrufe ein und ca. 8.500 Patient:innen drängten in die Notaufnahmen der Krankenhäuser. Die Kliniken waren daraufhin völlig überlastet, neun Menschen starben. Asthma-Gewitter sind keineswegs auf die Südhalbkugel beschränkt. Auch in Großbritannien, Italien und Kanada traten solche Asthma-Gewitter schon auf.

Niesende Frau im Homeoffice

Wer niest, verliert: Schlechter Schlaf und weniger Leistung

Untersuchungen in Großbritannien haben gezeigt, dass eine Pollenallergie die Leistung von Schüler:innen der Oberstufe in der Prüfungsphase deutlich mindern kann. Wer in dieser Phase an mehr als zwei Tagen unter Allergie-Symptomen litt, bekam mit einer doppelt so hohen Wahrscheinlichkeit eine schlechtere Note als Nichtbetroffene oder Allergiker:innen, die nur an zwei oder weniger Tagen Symptome zeigten. Schuld daran sind allerdings nicht nur die Allergiesymptome selbst: Medikamente wie Antihistaminika können müde machen, die Konzetration leidet. Und: Pollenallergiker:innen haben auch nachts mit ihren Symptomen zu kämpfen und schlafen schlechter.

Allergien sind teuer!

Nasensprays, Allergietabletten, Luftfilter – Allergien sind teuer. Betroffene müssen das Gesundheitssystem immer öfter und mit immer stärkeren Symptomen in Anspruch nehmen. Fehlzeiten und Medikamente verursachen direkte und indirekte Kosten. Unsere Gesundheitssysteme müssen sich darauf einstellen und Betroffene angemessen behandeln können.

Häufige Arztbesuche, dauerhafte Medikamente und Fehlzeiten – Allergien verursachen hohe Kosten.

In der EU liegen die vermeidbaren Kosten pro unzureichend behandelte*r*m Allergiepatient:in zwischen 55 und 151 Milliarden Euro pro Jahr – das sind 2.405 Euro pro Allergiker:in im Jahr, die verloren gehen. Geld, das man sicher viel besser investieren könnte. Allergien können behandelt werden, durch eine Hyposensibilisierung gewöhnt sich das Immunsystem an die Allergieauslöser. Dadurch können Beschwerden nachlassen. Eine Universallösung ist das jedoch nicht. Dafür muss die Ursache der Verschlechterung für die Milliarden Allergiker:innen mehr in den Fokus rücken:

Konsequenter Klimaschutz würde bedeuten, dass wir in Zukunft weniger unter den Folgen von Allergieerkrankungen leiden. Ob nun aufgrund von Viren oder Pollen – ein Leben in Quarantänefreiheit, vor allem in der wärmeren Jahreszeit, das würde uns allen ziemlich guttun.

Quellen und Studien

Untersuchung zu Auswirkungen von Allergien auf Lebensqualität: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22697006/

Langzeitstudie zu Asthma in Folge von Allergie: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0140673608614464

Studie zu schwächerer Immunantwort durch Pollen: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31512243/

Studie zu schwächerer Immunantwort auf das Coronavirus durch Pollen: https://www.pnas.org/content/118/12/e2019034118

Studie zu Krankenhauseinlieferungen in Zusammenhang mit früherer Pollensaison: https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2767881

Studie zu Krankenhauseinlieferungen mit Asthma-Anfällen: https://link.springer.com/article/10.1007/s00484-017-1369-2

Studie zu Allergien und Leistungen: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0167629616300261

Studie zu Pollenallergie und Prüfungsleistun: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17560637/

Studie zu Pollenintensität durch wärmere Temperaturen: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2542519619300154?via%3Dihub&for-guid=a3a12ea2-bd65-e711-b65f-90b11c343abd&utm_source=usatoday-Climate%20Point&utm_medium=email&utm_campaign=narrative&utm_term=article_body

Studie zu heftigeren Pollenallergien auf der Nordhalbkugel durch Klimakrise: https://www.pnas.org/content/118/7/e2013284118

Studie zu vermehrten Asthmaanfällen durch Pollen nach Unwettern in den Niederlanden: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20025786/

 Studie zu Wechselwirkungen von Pollen mit anderen Luftschadstoffen: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5941124/

Studie zu Asthma-Gewitter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35003735/

 

Fotos: Freepik, Screenshot DWD-Pollenflugkalender