Lesedauer: 2 Minuten

Die Diskussion um ein mögliches Tempolimit auf unseren Autobahnen bringt viele von 0 auf 180. Hauptargument dagegen: Es schränkt unsere Freiheit ein. Tatsächlich ist ein Tempolimit ein Beitrag zur Rettung unserer Freiheit. Wie das?

  • Bei Tempo 130 sparen wir 1,9 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr.
  • 2016 wurden 6 103 Menschen auf Autobahnen schwer verletzt, davon 4 247 auf Abschnitten ohne Tempolimit.
  • Das Bundesverfassungsgericht urteilte 2021: Wenn nicht jetzt die nötigen CO2-Emissionen eingespart werden, führt das zu „schwerwiegenden Freiheitseinbußen“ künftiger Generationen – und das widerspricht dem Grundgesetz.

CO2-Gewinn ohne viel Ausgaben

Ein Tempolimit könnte eine Erste-Hilfe-Maßnahme für das Klima sein. Sie kostet uns wenig, bringt aber viel. Knapp ein Fünftel der CO2-Emissionen in Deutschland stammen aus dem Verkehrssektor. Ohne eine massive Senkung dieser Emissionen sind die deutschen Klimaschutzziele von 2030 nicht zu halten. Gelingt es uns nicht, schneller CO2 einzusparen, bedroht das in Zukunft die Freiheit von uns allen. Weniger Tempo bedeutet also: mehr Freiheit für alle!

Das Umweltbundesamt liefert konkrete Zahlen:

Bei Tempo 130 blasen wir mit 1,9 Millionen Tonnen CO2 Äquivalente weniger pro Jahr in die Atmosphäre. Bei Tempo 120 sparen wir sogar 2,6 Millionen Tonnen. Zugegeben, das ist nicht das denkbar größte Einsparpotenzial, das wir in Deutschland hätten. Zum Vergleich: Einem Kohlekraftwerk verursacht bis zu sechs Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Aber die Ersparnis bei Tempo 120 entspricht in etwa dem Ausstoß des gesamten innerdeutschen Flugverkehrs.

Das Tempolimit ist in Sachen CO2-Ersparnis also der berühmte Spatz in der Hand. Und die dadurch erreichte CO2-Reduktion wäre mehr als nichts.

Freier Atem für alle, bitte!

  • Das eingesparte Kohlendioxid würde uns nicht nur gegen die Überziehung unserer CO2-Dispos helfen, es würde auch bedeuten, dass unsere Städte lebenswerter werden.
  • Die CO2-Belastung mag zwar Kern dieser hitzigen Debatte sein, doch der Autoverkehr setzt noch jede Menge anderer Schadstoffe frei. Auch die sollten wir auf dem Radar haben, wenn wir weiterhin mit 200 km/h über die Straßen brettern.
  • Feinstaub und giftige Stickoxide (NOx) zum Beispiel. Beides sehr ungesund!
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sogar Beeinträchtigungen des Hirns stehen nachweislich im Zusammenhang mit diesen Luftschadstoffen. Besonders schädigen sie unsere Atemwege und Lungen. Dreckige Luft verschlimmert Allergien. Denn: Sind unsere Atemwege gereizt, macht es sie anfälliger für allergische Beschwerden.
  • Luftschadstoffe gelten außerdem als „Scharfmacher“ für Allergene wie Pollen. Sie heftet sich an die Pollen und können so deren allergene Wirkung verstärken. Das verschlimmert eine Allergie – oder löst sie erst aus.
  • An Tagen mit besonders hohen Stickoxid-Werten zeigen das auch die Daten aus Krankenhäusern. Besonders Menschen mit vorgeschädigten Atemwegen leiden, die Sterblichkeit steigt.
  • Für Allergiker:innen bedeutet die höhere Belastung schon heute, dass sie ihre Mittagspausen in Zukunft im Büro verbringen müssen. Für ältere und vorerkrankte Menschen ist es an immer mehr Tagen des Jahres besser, die Wohnung nicht zu verlassen. Freiheit und Gesundheit schließen sich demnach nicht aus – sie bedingen einander.

Lebenswertere Städte

Wenn der gesamte Stadtverkehr auf ein Tempolimit von 30 km/h eingestellt wäre, bliebe nicht nur der Verkehrsfluss gleichmäßig, auch die Schadstoffbelastung würde deutlich sinken. Das zeigen schon viele Versuche in deutschen Städten. Und: Je langsamer ein Auto unterwegs ist, desto weniger Reifenabrieb entsteht.

Durch Reifenabrieb, Bremsen und Aufwirbelungen entsteht mehr Feinstaub als durch den Verbrennungsmotor selbst. Ein Tempolimit macht also auch bei Elektro- und Wasserstoffautos Sinn, zumal die in der Regel sogar mehr Gewicht auf die Straße bringen.

Ein weiteres Problem sind Mikroplastikemissionen. Rund 42 Prozent der gesamten Mikroplastikemissionen in Deutschland entstehen nur durch Reifenabrieb. Das heißt: Es gelangt mehr Kunststoff durch Reifenabrieb in unsere Umwelt als durch achtloses Wegwerfen von Plastikabfällen!

Mikroplastik in den Meeren, Böden und der Luft kommt also nicht von ungefähr – wir tragen täglich fleißig dazu bei. Es handelt sich nicht nur um eine vage Behauptung, wenn man sagt: Unsere Umwelt würde sich über ein Tempolimit freuen. Und unsere Gesundheit auch – auch wenn die Forschung über die Auswirkungen von Mikroplastik auf den menschlichen Organismus derzeit noch in den Kinderschuhen steckt.

Autos im Stau

Freie Fahrt voraus – schnell ist nicht gleich gut

Autofahren wird mit dem Gefühl von Freiheit assoziiert. Doch stehen Pendler:innen im Jahr durchschnittlich 40 Stunden lang im Stau. Davon entfällt zwar ein großer Teil auch auf den Stadtverkehr, aber eine gleichmäßige Geschwindigkeit auf der Autobahn sorgt dafür, dass der Verkehr flüssiger wird und Staus vermieden werden. Die gute Nachricht also: Die Verzögerung der Fahrtzeit aufgrund des Tempolimits ist verschiedensten Berechnungen zufolge minimal.

Was, wenn wir die fünf Minuten längere Fahrtzeit als einen kleinen Moment der „Extrafreiheit“ begreifen würden, während wir entspannt und gut gelaunt in den Sonnenuntergang fahren?

Dass höhere Geschwindigkeiten aber grundsätzlich zu gefährlicheren Unfällen führen, ist eine Binsenweisheit oder sagen wir besser: Physik. Mit der Geschwindigkeit steigt die Wucht des Aufpralls, auch Reaktionsweg und Bremsweg werden länger bei hohen Geschwindigkeiten, das Risiko für tödliche Unfälle nimmt zu. Ein Blick auf die Statistik verrät: Im Jahr 2016 wurden insgesamt 6 103 Menschen auf Autobahnen schwer verletzt, davon 4 247 auf Abschnitten ohne Tempolimit und 1 856 auf Abschnitten mit Tempolimit.

Der Vergleich verschiedener Autobahnabschnitte ist schwierig, weil sie viele Unterschiede zeigen. Bei so vielen Faktoren wäre eine Vielzahl von Studien notwendig, um eine generelle Aussage zur Vermeidung von Todesfällen zu zeigen. Einige Zahlen gibt es aber, zum Beispiel:

  • Die Daten eines Autobahnabschnitts Brandenburg zeigte einen deutlichen Effekt: Nach Einführung des Tempolimits von 130 sank die Zahl der Unfälle sogar um die Hälfte. Und statt 838 verunglückten „nur“ noch 362 Menschen.
  • Auch internationale Studien sprechen für diesen Effekt: Laut einer Studie aus dem Jahr 2004 führt schon die Verringerung der Durchschnittsgeschwindigkeit um fünf Prozent zu zehn Prozent weniger Unfällen und 20 Prozent weniger tödlicher Unfälle. (Nilsson 2004)

Der Freiheitsanspruch hinkt aber nicht nur in Bezug auf die Sicherheit des/der* Einzelnen, sondern auch in Hinblick auf die Zukunft der jungen Generation. So hat auch das Bundesverfassungsgericht im April 2021 entschieden:

Wenn in der Gegenwart nicht ausreichend CO2-Emissionen eingespart werden, so wirkt sich das zulasten der jüngeren und künftigen Generationen aus. Die müssen dann nämlich überproportional hohe Reduktionslasten tragen, was ihre Freiheiten einschränkt – und dem Grundgesetz widerspricht. Die Karlsruher Richter sprachen von „schwerwiegenden Freiheitseinbußen“.

Durch ein Tempolimit auf Autobahnen schützt du also nicht nur die Natur und deine Mitmenschen, sondern vor allem: dich selbst! Also lehn dich zurück und atme tief durch – dann auch mal bei offenem Fenster!